Die Geschichte von Missy und Karamell

Wenn ein Kaninchen spät abends im Dunkeln an einer stark befahrenen Straße entlanghüpft, dann nimmt dies meist kein gutes Ende. Missy wurde genau so gefunden. Dass die Geschichte des rotbraunen Zwergwidders und seines Partnerkaninchens Karamell dennoch einen guten Ausgang nimmt, hängt wie so oft damit zusammen, dass aufmerksame Menschen nicht weggesehen, sondern beherzt eingegriffen haben.

Sommer 2025: Missy wird durch Zufall von einem jungen Mann abends in Taunusstein gefunden. Er kann sie an der Straße einfangen und in Sicherheit bringen. Tags darauf postet er die Geschichte und ein Foto auf Facebook – und der Kontakt zu den Tierfreunden entsteht. Missy wird von unserem Verein aufgenommen und bekommt einen Platz bei einer Pflegestelle mit viel Kaninchen-Erfahrung. Missy war allerdings zuvor nicht alleine in Taunusstein unterwegs. Wenige Tage später wird ihr Partner Karamell vom Veterinäramt an unsere Pflegestelle übergeben. Das Veterinäramt vertraut beide Tiere dauerhaft unserem Tierschutzverein an – aufgrund nicht artgerechter Haltung bei den vorherigen Besitzern.

Große Überraschung beim Tierarztbesuch

Als Missy beim Tierarzt untersucht wird, stellt sich heraus, dass sie tragend ist. Auf der Pflegestelle wird Missy deswegen vorerst separiert und bringt in einem ruhigen Geburtsgehege ihre Babys zur Welt. Leider kommt eines der beiden Jungtiere tot zur Welt. Das zweite Baby, die kleine Hope, wie ihre Pflegemama sie tauft, entwickelt sich zum Glück gut. Missy und Hope verbringen die nächsten neun Wochen gemeinsam in geschützter Umgebung.

Karamell geht es zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich sehr schlecht. Der Zwergwidder leidet an einem großen Abszess an seinem Ohr. In den folgenden Wochen muss Karamell intensiv mit Medikamenten und Antibiotika behandelt werden. Erst als sich sein Allgemeinzustand deutlich stabilisiert hat, kann eine Operation stattfinden. In einer gemeinsamen Narkose wird schließlich sowohl der Abszess am Ohr operiert als auch die Kastration durchgeführt. Zeitweise stand zuvor sogar eine Amputation des Ohres im Raum, die glücklicherweise vermieden werden kann. Dennoch: Die frühere Vernachlässigung des Tieres hat nicht nur Narben hinterlassen. Bis heute benötigt Karamell regelmäßige tiermedizinische Kontrollen und besondere Aufmerksamkeit für sein Ohr.

Endlich wieder vereint

Nach Ablauf der Kastrationsfrist wird das Paar wieder vergesellschaftet. Anfangs erkennt Missy Karamell aber nicht mehr aufgrund seines veränderten Geruchs und hält Abstand. Karamell sucht vorsichtig ihre Nähe, bis es einen Tag später plötzlich Klick macht und Missy ihn wieder akzeptiert. Seitdem sind die beiden erneut unzertrennlich. Im September werden sie vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben geimpft.

Und allmählich lernen sie zu vertrauen. Anfangs sind Missy und Karamell sehr ängstlich und zurückhaltend. Doch mit Zeit, Geduld und Fürsorge fassen sie immer mehr Vertrauen. Heute sind beide selbstbewusst, neugierig und bringen ihre Menschen regelmäßig zum Lachen. Sie lieben Frischfutter und kommen freudig angehoppelt, sobald man die Küche betritt. Beim Essenmachen wird hoffnungsvoll gewartet – und natürlich fällt auch immer mal „ganz zufällig“ etwas für sie herunter.

Missy beschützt den schwerhörigen Karamell

Als „zwei gute Seelen“ beschreibt ihre Pflegestelle die beiden Häschen. Besonders berührend sei der Umgang der beiden miteinander im Alltag. Durch seine starke Hörbeeinträchtigung schläft Karamell sehr tief und lässt sich von Geräuschen kaum aufwecken. Früher lag er oft ausgestreckt und tief schlafend da, heute kuschelt er sich eng an Missy.
Sie ist für ihn eine Art Frühwarnsystem: Reagiert Missy auf etwas, spürt Karamell ihre Bewegung und weiß, dass etwas nicht stimmt. So kann er sich sicher fühlen und entspannt schlafen – ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig ein harmonisches Partnertier gerade für beeinträchtigte Kaninchen ist. Denn auch wenn sie sich gut eingelebt haben, sind und bleiben Kaninchen Fluchttiere.

Auch optisch haben die beiden rotbraunen Zwergwidder eine enorme Entwicklung genommen. Missys Fell war anfangs struppig, strähnig und teilweise verfilzt, doch mit entsprechender Pflege konnte sich ihr Zustand deutlich verbessern. Heute haben beide ein gepflegtes, gesundes Fell und sind insgesamt viel entspannter und lebensfroher.

Angekommen im Für-immer-Zuhause

Was noch fehlt, ist die Möglichkeit, endlich in einer neuen Familie für immer ankommen zu dürfen. Bei der Vermittlung gilt es, auf die besonderen Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen: Aufgrund von Karamells Hörbeeinträchtigung kommt für die beiden ausschließlich Innenhaltung infrage. Als Zwergwidder zählen beide zudem als „Qualzucht“, da mit ihren gezüchteten Merkmalen, wie den hängenden Ohren, einige gesundheitliche Probleme und Risiken einhergehen.

Missy und Karamell sollen ab November vermittelt werden, doch unsere Pflegestelle entscheidet sich, als es soweit ist, doch ganz bewusst anders: Die kleine Hope sollte ohnehin bereits als Familienmitglied bleiben, bei den beiden Menschen und den zwei anderen Kaninchen Liese und Pitry der Familie. Und schließlich dürfen auch Missy und Karamell bleiben. Heute leben alle fünf Häschen gemeinsam in einem eigenen Kaninchenzimmer – sicher, umsorgt und endgültig angekommen in ihrem Für-immer-Zuhause.

Quelle: Tierfreunde Taunusstein